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#113, verfasst am 02.02.2012 - 18:15
Ich habe den Märchenerzähler letzte Woche zufällig bei uns in der Schulbibliothek entdeckt – bei den Kinderbüchern (5./6. Klasse). Da ich eine dumpfe Erinnerung an diesen Thread hatte, habe ich den gesucht, teilweise gelesen und am nächsten Tag erst einmal dieses Buch aus der völlig falschen Abteilung gezogen und mit heim genommen.
Zuerst hätte ich mich fast nicht getraut es zu lesen. Andererseits war ich hinreichend vorgewarnt und habe in den vergangenen Wochen ein paar – nicht sehr gute - Psychothriller reingezogen, bei denen ich mir ernsthaft zwischendurch überlegt habe aufzuhören und sie trotz drohender Alpträume nicht weggelegt habe... *hust* Von daher hätte es also kein Problem sein sollen.
SPOILER
SPOILER
Vorgestern habe ich es dann gelesen. Häppchenweise. Ich habe immer wieder Pausen eingelegt, um die Poesie, die sich durch diese ganze, zarte, schreckliche Geschichte zieht, auf mich wirken zu lassen. Oh, Gott, dieser Schreibstil. Wenn ich es jetzt da hätte, würde ich es auf der Stelle noch einmal lesen. Das ist Lyrik in Prosaform (ich kenne jemanden, der Kurzgeschichten geschrieben hat, an die mich „Der Märchenerzähler“ unglaublich erinnert hat – das habe ich auch immer so genannt...). Diese Sätze. Diese Bilder. Ich will darin versinken, untergehen, drin liegen bleiben, sie in mich aufnehmen, sie aufsaugen. Dieser Anfang mit dem Blut, dem Vergleich mit Mohnblumen, die vielen doppelten Böden zwischen den Worten, immer noch eine Lage, die man aufdecken kann ...
Offensichtlich hat es mich bei weitem nicht so mitgenommen wie viele andere. Ich habe auch nicht geweint (tu ich eh selten, hat vielleicht mehr damit zu tun, als damit, dass die Geschichte nicht zum Weinen wäre – das ist sie definitiv). Aber ich war auch soweit vorgewarnt, dass ich wusste, dass diese Geschichte nicht „gut“ ausgehen kann und habe sie sozusagen durchgehend in sehr melancholischer Stimmung gelesen.
Ich empfinde die Charaktere, jeden einzelnen, in seiner Art und seinen Reaktionen als nachvollziehbar.
Abel. Ich muss sagen, ich habe ihn auch bis zum Schluss geliebt. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ich einmal so viel Sympathie für einem Mörder empfinden könnte (dass er es war, wusste ich eigentlich von Anfang an, aber verdammt – ich wollte es wider besseres Wissen nicht glauben). Aber ich denke, er konnte nicht anders, alles, was er getan hat, war irgendwo unvermeidlich. Er hätte sich nicht helfen lassen (und das ist das eigentlich Tragische: Anna hätte ihn nicht retten können, auch wenn er diesen letzten Schuss nicht abgefeuert hätte), ich glaube, er hätte sich trotzdem aufgegeben. Ich finde, dass nicht Anna, sondern Abel derjenige ist, der bis zur totalen Selbstaufgabe geht. Er würde sprichwörtlich ALLES tun, damit Micha nicht das gleiche passiert wie ihm. Ich glaube, Abel hat es tatsächlich geschafft, meinen bisherigen, langjährigen Lieblingsromancharakter auf Platz zwei zu verdrängen.
Anna. So seltsam es für viele sein mag, ich fand es unglaublich bewegend, dass sie Abel verziehen hat. Ich denke auch, dass sie da schon eine Ahnung hatte, was er erlebt hatte und wieso er so reagiert hat. Ihre Schuldgefühle bezogen sich meiner Meinung nach eher darauf, dass sie ihm nicht richtig zugehört hatte, als er „nein“ gesagt hat, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, dass er wirklich nicht wollte. Ich fand sie auch nicht naiv. Auf ihre Weise stark, ja. Und großherzig. Und das Ende, die Stille, die hat mir eher Angst gemacht als mich getröstet. Weil sich das wirklich eher nach Aufgeben angehört hat. Ich hoffe, dass Anna aus diesem Loch wieder heraus und eine neue Liebe finden kann...
Micha. Ich möchte Micha mit heimnehmen und ihr Kakao kochen und sie knuddeln und ihr Geschichten vorlesen. Diese süße Unschuld und gleichzeitig kindliche Weisheit, das hat die Autorin so wunderschön verknüpft. Die bedingungslose Liebe, mit der sie an Abel hängt. Als sie am Ende ein Bild von Abel sucht, um es über dem Kamin aufzuhängen, damit er sie sehen kann (okay, an der Stelle kriege ich dann doch feuchte Augen).
Linda und Magnus. Hm, mit Magnus bin ich nicht so richtig warm geworden. Aber immerhin schien in Linda mehr zu stecken, als man am Anfang sehen konnte. Vor allem habe ich ihr hoch angerechnet, dass sie Micha gleich ins Herz geschlossen hat (ich glaube, da kommt die Mama in mir heraus). Wobei das natürlich wiederum auch mit ihrer eigenen Geschichte an Fehlgeburten zu tun hatte ...
Der Knaake. Ich hätte gern gewusst, ob er Abels Vater war. Andererseits hätte es zu dem Zeitpunkt auch nichts mehr genutzt. Und er hat sich auf seine Art um die „Kinder“ gesorgt. Das war irgendwie... herzerwärmend.
Gitta hat mich mit ihrem „mein Kind“ furchtbar genervt. Am Ende hat sie es wieder gutgemacht, als sie Bertil zur Schnecke gemacht hat. Als sie dieses stumme Zwiegespräch mit Abel hatte, hätte mir eigentlich klar sein sollen, dass sie etwas weiß, was der Leser noch nicht wusste, aber ich bin trotzdem die ganze Zeit auf die „oberflächliche Tusse“ hereingefallen.
Bertil wiederum hat mir die meiste Zeit leid getan, obwohl ich zwischendurch fast auf die falsche Fährte reingefallen wäre. Auch so einer, der nicht aus seiner Haut kann, ein „Nerd“, einer, mit dem die Mädchen nichts zu tun haben wollen ...
Ich versuche mir gerade vorzustellen, was es einen kosten muss, ein solches Buch zu schreiben – das stelle ich mir viel schlimmer vor, als es zu lesen.
Man sollte dem Anderen die Wahrheit hinhalten, dass er wie in einen offenen Mantel hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren hauen.
Max Frisch