Ich habe mal eine Szene geschrieben, in der mein (ziemlich klein geratener und extrem kurzsichtiger) Protagonist den Versuch startet, als blinder Passagier zu reisen, jedoch erwischt wird, weil er pinkeln muss und einen geeigneten Ort dafür sucht. Und da der Kerl noch dazu an einem Wasch- und Hygienezwang leidet, ist es ihm unmöglich, mal eben dort zu urinieren, wo er sich noch weiterhin aufhalten muss.

Ein anderer Charakter in der selben Geschichte kann nicht pinkeln, wenn ihm andere dabei zuschauen. Noch dazu hat er Übergewicht und ist mit 18 noch Jungfrau.
Und meine weibliche Hauptperson ist auf den ersten Blick zwar durchaus gutaussehend, hat aber eine Essstörung.
So was brauche ich einfach, um mein eigenes Geschreibsel so faszinierend zu finden, dass ich dranbleibe. Es gibt nichts, was mich mehr langweilt als Perfektion. Und wenn ich mich im eigenen Bekanntenkreis so umsehe, hat absolut
jeder Mensch irgendeine Macke, eine Krankheit, sonstige Probleme - auch wenn die oft kaum nach außen dringen.
Das ist wohl der Grund, warum ich reine Romanzen nicht besonders mag und mir nicht vorstellen könnte, jemals selbst eine "echte" Romanze zu schreiben. Da erwartet die Durchschnittsleserin (männliche Romanzenleser kenne ich bislang nicht) einfach hübsche, möglichst glatte Figuren - und selbst wenn Probleme da sind, werden diese meist im Laufe der Beziehungsentwicklung gelöst. *gähn*
Abgrundtief hässliche Menschen empfinde ich aber, wie bereits gesagt wurde, als ebenso flach. Ich will über Menschen lesen und schreiben, wie ich sie auf der Straße treffen könnte. Über Charaktere, die mich glauben lassen, dass ihre Erlebnisse irgendwo auf der Welt tatsächlich stattgefunden haben könnten. Über den Chef, der solchen Mundgeruch hat, dass ich beim bloßen Lesen beinahe ohnmächtig werde.

Wenn ein guter Plot mit einigen dieser realistischen Details gespickt ist, fühle ich mich beim Lesen lebendig. Das gilt auch für die Namensfrage. Überirdisch schöne Namen bringen mich bestenfalls zum Lachen ... es sei denn, bei den Trägern handelt es sich um Elfen. ^^
Kurz: Wenn es mich nur nach geballter Perfektion verlangt, fahre ich zu meiner Ma und hole Barbie und Ken aus dem Keller. In Geschichten, die mich wirklich beeindrucken, dürfen Realismus und ein wohl dosiertes Maß an Hässlichkeit auf keinen Fall fehlen.