zuojenn schrieb:
Weia, ich fühle mich angesprochen.
Ich habe mir diese Frage auch schon mehrfach gestellt, ich lasse nämlich auch konsequent meine Lieblingsfiguren leiden, während die anderen mehr oder weniger "sicher" vor mir sind.Mir gefällt das nicht, überhaupt nicht. Ich tu das ungerne, ich *lese* das nicht mal gerne. Wenn ich merke, dass jemand sinnlos explizit beschrieben gefoltert wird, dann bin ich sofort weg.
Und trotzdem schicke ich meine Protas eigentlich immer durch die persönliche Hölle. Nur ein leidender Held ist ein guter Held. (Weibliche Helden miteingeschlossen).
Bescheuert? Irgendwie schon, ja.
Aber es ist zu schön, wenn sie sich aus dieser Hölle heraus kämpfen, wenn sie daran erstarken und das möglich machen, was sie zuvor aussichtslos hielten, auch wenn es nur ist, dass sie an der "Hölle" nicht zerbrechen, auch wenn letztlich alles schief ging.
Eine Figur kann eben am meisten leisten, wenn sie schon am Boden lag, nochmal nachgetreten wurde, und sie dann wieder aufsteht.
Vermutlich will man sowas sehen. Heldenhaftes wieder aufstehen, oder gnadenlose Niederlage. Vermutlich gibt's davon im wahren Leben zu wenig.
Dito in allen Punkten oO
Ich gestehe, dass ich selbst zu dieser Fraktion gehöre, wenn ich selbst schreibe zumindest. Es gibt einen eindeutigen Unterschied zwischen den Dingen die ich schreibe und denen, die ich selbst lesen würde.
Grundsätzlich kann und wird früher oder später jeder Charakter von mir, im übertragenen Sinne, ins Fegefeuer geworfen. Wie zuojenn bereits sagte, geht es dabei nicht darum, ihm möglichst viel Leid widerfahren zu lassen, es geht darum, ihm da wieder raus zu helfen. (Vielleicht ist es sogar soetwas wie Hurt/Comfort zwischen Chara und Autor?)
Es macht mir Freude, wenn ich einen Charakter habe, der nicht aufgibt, immer wieder aufsteht und am Ende dafür belohnt wird. In meinen Geschichten sterben auch äußerst selten Charaktere und wenn, dann keine, deren Gedanken ich in irgendeiner Form in der Story einmal berührt habe. Da habe ich eine regelrechte Hemmung.
Eine Besonderheit an meinem Schreibstil ist sicher, die enge Bindung zu meinen Charas - klar, die hat jeder und dennoch denke ich, dass es einige Autoren gibt, bei denen sie noch spezieller ist. Es liegt an der Einstellung, für einige ist das Schreiben einfach nicht so wichtig. Für mich ist es das jedoch sehr, denn für mich ist es nicht nur Fiktion, sondern eine Wiederholung möglicher Lebensumstände und ich lerne daraus, sehe mir alles genau an, in dieser Welt und am Ende muss ich dennoch immer wieder feststellen, dass sie nicht anders ist als das, was wir Realität nennen, selbst wenn sie augenscheinlich so gar nicht komplementär scheint. (Versteht man, was ich damit meine?)
Wenn ich schreibe, dann tauche ich buchstäblich ab. Ich sehe eine Szene nicht nur vor mir, ich rieche, schmecke, fühle und höre sie auch, wenn das nicht so ist, dann lasse ich es sein und mache ein andermal weiter. Und daher kommt es auch, dass ich meine Charaktere durch und durch kenne. Ich weiß nicht nur was sie denken, ich kann mir zu jederzeit vorstellen, diesen Gedanken selbst zu haben, weil ich stets mit mir selbst synchron schreibe. Ob mein Protagonist im Moment ein gnadenloser Killer ist oder eine mitfühlende Krankenschwester, spielt keine Rolle. Ich wage zu behaupten, man muss die Wut, die Enttäuschung, die Freude und die Sorglosigkeit eines Charas selbst fühlen können, dann erst kann man sie auch anderen erklären. Und deshalb fällt es mir schwer, Charaktere zu töten, wie böse sie auch sein mögen, denn ich war schon einmal sie bzw habe mit ihnen interagiert. Das ist für mich,als hätte ich einen sehr guten Freund auf dem Gewissen. oo
In diesem Sinne begleite ich meinen Charakter auf seinem Leidensweg. Meine Geschichten werden stets so geschrieben, wie sie mir einfallen - habe ich eine Idee einmal gehabt, kann ich sie nicht mehr aus der Geschichte nehmen, denn in diesem Moment ist sie schon fix verankert. Man kann sagen: Der Weg geht sich selbst. Ich weiß nie genau, wie eine Story endet, bis ich selbst am Ende angelangt bin. Auch da unterscheidet sich mein Stil von dem vieler anderer. Ich habe kein Manuskript und keinen Plan und vielleicht ist gerade deshalb die Story so logisch, weil sie Schritt für Schritt selbst evolviert und nur das Eingang findet, das im richtigen Schritt angebracht scheint.
Ich werfe meine Charaktere also nicht von einem Unglück ins nächste, sondern sehe nur zu, was ihnen passiert und schicke ihnen dann Gründe, den Kampf aufzunehmen. Ich bin sowohl Angreifer als auch Helfer, kenne beide Seiten in ihren vielen Facetten und Beweggründen. Und das ist für mich unglaublich faszinierend.
Weshalb verursachen manche Menschen anderen Leid? Gab es keine andere Möglichkeit? Wieso sind manche Menschen augenscheinlich bar jeden Mitgefühles? Oder tut es dem Angreifer selbst nicht gut? Wie kam es zu einem bestimmten Lebensumstand? Was fühlt das Opfer dabei? Wie kann es sich verhalten? Wie wird es sich verhalten? Wieso gibt es nicht einfach auf?
Und so beobachte ich die Geschichte des leidgeprüften Protagonisten und habe am Ende, im Idealfall, begriffen, was ihn so willensstark macht und habe selbst davon gelernt.
Ein Autor wächst mit jeder seiner Geschichte, wenn er nur wagt, sie auch zu leben.
Das ist zumindest meine romantische Überzeugung
