Hmmh… grade einen ellenlangen Text geschrieben, um zu fragen, ob andere das auch kennen, und dann erst auf die Idee gekommen, erstmal nachzuschauen, ob es einen entsprechenden Thread schon gibt. ^^
Ich reagiere „im wahren Leben“ wirklich extrem empfindlich auf gewisse Gesprächsthemen. Blut geht zum Beispiel gar nicht. Jedes Mal, wenn auch nur ansatzweise die Möglichkeit besteht, dass man eventuell darauf zu sprechen kommen könnte, wird mir total schwindelig. Nachdem ich einmal in der Schule im Bio-Unterricht umgekippt bin, haben sie mich im Krankenwagen abtransportiert, woraufhin ich die gesamte restliche Einheit geschwänzt habe. Passenderweise war es das Thema „Herz-Kreislauf-System“. Die nächste Einheit danach war Sexualkunde, was ich nach der äußerst intelligenten und mit Gestik unterstrichenen Frage eines Mitschülers („Können Hoden eigentlich explodieren? …und ist da Blut drin?“) in der ersten Stunde wieder vergessen konnte. Ich musste sogar vor die Tür gehen, als unsere Französischlehrerin einfach nur in zwei völlig sachlichen Sätzen erzählt hat, dass ihr die Weisheitszähne gezogen wurden – einfach durch die bildliche Vorstellung dieser Operation.
Ein ähnliches Thema sind Übelkeit und Erbrechen. Ich habe so wahnsinnige Angst davor, dass mir auch da bei der kleinsten Erwähnung schwindlig wird. Kommt leider auch öfter vor (Beispielsweise, wenn man ständig wieder erklärt bekommt, wie die Menschen im alten Rom ihre Feste abgehalten haben. *räusper*). Noch besser: Thema Alkohol. Könnt ihr euch vorstellen, wie nervig es ist, wenn man ständig vom Stuhl kippt, weil die Klasse darüber diskutiert, wer am Wochenende wie viel gesoffen hat? Ich hab wirklich keine Ahnung, wie mein Hirn von alleine auf die Idee kommt, um so viele Ecken zu denken, aber (Achtung! Jetzt wird’s kompliziert.) wenn man zu viel Alkohol trinkt, wird einem schlecht und man muss sich übergeben. Wenn man über einen langen Zeitraum zu viel Alkohol trinkt, zerstört das diverse innere Organe (die Erklärung irgendeines Lehrers, was eine Fettleber ist, war für mich eine echte Herausforderung).
Vor ein paar Tagen habe ich festgestellt, dass ich mir nicht mal etwas illustrierte Geschichten darüber anhören kann, wie Menschen gestorben sind. Thema CO2, Chemieunterricht. Unser Lehrer erzählt ein paar kleine Anekdoten über Leute, die er kannte, die damit unvorsichtig umgegangen sind, die das das Leben kostete, und schon sehe ich wieder nur noch Sterne. Genauso wenn ich irgendwelche Filme anschaue und genau weiß, dass gleich jemand umkommen wird – ich bekomme sofort Herzrasen und mir wird total schwindelig.
Aber worauf ich eigentlich hinauswollte: beim Lesen und Schreiben ist das wieder etwas ganz anderes. Da halte ich vergleichsweise sehr viel aus, ehe ich auch nur den geringsten Anflug von Schwindel spüre. Ganz im Gegenteil, Bücher, in denen niemand stirbt oder eben leiden muss, lese ich nur äußerst selten – einfach weil es sonst meistens langweilig wird. Beim Schreiben ist es sogar noch ärger. Ich bin zwar nicht der Typ Mensch, der Geschichten schreibt (oder liest), in denen lauter Leute sinnlos niedergemetzelt werden, aber ich bin ziemlich gut darin, mir Gründe einfallen zu lassen,
warum sie niedergemetzelt werden sollten. Zeitweise lasse ich sie sich auch reichlich betrinken. Ich habe keine Hemmungen, sie sich übergeben zu lassen (ein Charakter, mit dem ich mich über Jahre sehr intensiv beschäftigt hatte, hatte eine langwierige Essstörung und musste sich fast nach jeder Mahlzeit erbrechen). Ohne irgendwelche schweren Verletzungen geht gar nichts. Natürlich stellte ich diese Szenen dann höchstens in abgeschwächter Form online und beschreibe nichts so explizit, dass es irgendjemandem nahe gehen könnte, aber in meiner Vorstellung habe ich damit wirklich nicht das geringste Problem. Das Schlimme ist: je mehr ein Charakter leiden muss, desto lieber mag ich ihn. Unabhängig davon, ob psychische oder physische Gewalt auf ihn einwirkt, in dem Moment, da man ihm wehtut, wird er mir sympathischer. Kann sein, dass das daran liegt, dass ich ihn dann bemitleiden kann, ich weiß es nicht.
Ich kenne zwei Mädchen, denen das genauso geht und die demzufolge nicht weniger brutal mit ihren Figuren umgehen (obwohl die beiden wenigstens nicht dieselben Probleme mit der übertriebenen Sensibilität haben wie ich und ich das insofern bei ihnen schon als etwas weniger merkwürdig bezeichnen würde) – aber ich kenne auch genug Leute, die das überhaupt nicht nachvollziehen können und teilweise sogar schlussfolgern, dass da psychisch irgendwas nicht richtig funktioniert. Und soweit ich weiß, gibt es ebenfalls ziemlich viele Autoren, die ihren Charakteren nur äußerst ungern auch nur ein Haar krümmen, denen das richtig wehtut. Ich meine, klar, mir versetzt es auch irgendwie einen Stich, meine Figuren leiden zu sehen, aber im Nachhinein bin ich darüber immer relativ glücklich, weil sie immer ein Stückweit daran wachsen.
BincySummer schrieb:
Aber jeder Hurt wirkt nicht echt, wenn er deplatziert ist. Es muss zur Geschichte und zum Leidenden passen. Er darf nicht übertrieben wirken und aneinandergereiht werden wie die Perlen auf einer Schnur. Ich sträube mich gegen extreme Verletzungen, die normalerweise den Tod des Helden zur Folge haben. Denn dann passiert genau das Gegenteil! Der Leser stumpft ab. Es muss für den Leser nachvollziehbar wirken, warum ihr Liebling das durchmachen muss. Es geht nicht ums blanke Quälen – sondern oft um die Auseinandersetzung mit sich selbst und um das Erstarken und Wachsen des Helden. Einen perfekten Helden will keiner … das Menschliche ist es, was den Helden liebenswert macht.
Beim Hurt geht es auch nicht immer um Blut und Verletzungen … sondern oft auch um Gefühle, Zweifel und Selbsthass. Psychischer Hurt tut um vieles mehr weh (beim Schreiben und beim Lesen) und ich habe bemerkt, dass jener Hurt den der Protagonist sich selber zufügt um vieles Schlimmer ist als das was der Feind ihm antut. (Besonders wenn es aus gut gemeinten Gründen geschieht! „Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen“)
Kann ich kommentarlos unterschreiben. :]
Jedenfalls bin ich jetzt erstmal glücklich darüber, dass ich kein Einzelfall bin. ^^“ Ich gehe dann einfach mal davon aus, dass ich (zumindest aus diesem Grund) noch kein Fall für die Anstalt bin und suche stattdessen wieder nach einer Erklärung für mein extremes Mimosen-Verhalten. xP