Autor
Beitrag
Beiträge: 1194
Rang: Auftragsschreiber
•  
Beitrag #126, verfasst am 10.07.2010 - 23:31
Melmoth schrieb:
Wechselnde Perspektiven sind wohl ideal, um Figuren sich gegenseitig beschreiben zu lassen. Darf ich mal fragen, wie ihr das macht, falls ihr wirklich mal eine Figur selbst Hinweise auf ihr Aussehen geben lassen müsst? Wenn es sich nicht um wirklich störende, sich ins Bewusstsein drängende Merkmale handelt, steh ich nämlich ziemlich auf dem Schlauch, wie man das hinkriegen kann, einer Figur einen guten Grund zu geben, über ihr (für sie selbstverständliches) Erscheinungsbild nachzudenken.

Einmal habe ich einen Charakter einfach vor den Spiegel gestellt. Klingt jetzt wahrscheinlich ein bisschen flach, aber in dem Fall hat es funktioniert (zumindest hoff ich das o.O). Es war morgens nach dem Aufstehen. Er ist halt ins Bad gegangen und hatte an dem Tag eine ziemlich wichtige Prüfung - auch mit physischer Komponente - und da er selbst nicht gerade der Kräftigste oder Sportlichste, sondern eher ein bisschen dürr und schlaksig ist, hat er vor dem Spiegel dann ein bisschen seinen Minderwertigkeitskomplex ausgelebt und sich zum x-ten Mal gesagt, dass die Prüfung der Horror werden wird. Da passten dann Beschreibungen gut rein - beispielsweise auch die "dunklen Ringe unter den grauen Augen", weil er sich schlaflose Nächte gemacht hatte, usw.
Sonst denke ich mal, dass es immer im Vergleich zu anderen Personen ganz gut geht: Entweder wieder über das Minderwertigkeitsgefühl - frei nach dem Motto: "Warum konnte sie nicht auch so eine tolle Figur / glänzende Haare / strahlende Augen / whatever haben. Sie selbst war usw." - oder aber von der ganz anderen Seite: "Niemand hier konnte ihr das Wasser reichen. Mit ihren ... blibablub". Ich glaube, eingebildete Charaktere sind in dem Sinne dann sowieso immer einfacher zu handhaben, weil sie wohl einen Hang dazu haben, sich selbst zu beschreiben.

Sonst hab ich aber auch keine Beispiele mehr. Ich denke, man muss immer auf den einzelnen Charakter gucken, um ein passendes Mittel zu finden - und oft genug gelingt das eben auch nicht, zumindest bei mir. Dann steh ich nämlich genau vor dem Problem, dass du benennst: Dass der Charakter sich selbst beschreiben sollte, aber eigentlich keinen Anlass dazu hat. Und dann heißt es, Opfer auf der einen oder anderen Schiene zu bringen.
And I'm breaking, I'm breaking away
I'm aiming power power shots
And I'm giving all I've got
I'm fearless, I'm fearless today
I paint my face with teardrip-drops
And I'm kissing underdogs
Beiträge: 4293
Rang: Literaturgott
•  
Beitrag #127, verfasst am 11.07.2010 - 00:08
  •  
zuletzt bearbeitet am 11.07.2010 - 00:12
Melmoth schrieb:

@Rune: Weiß nicht, ob ich’s jetzt richtig verstehe: Meinst du generell Beschreibungen von Figuren, um sie jeweils auseinander zu halten, oder speziell immer von der Figur, deren Perspektive gerade an der Reihe ist?
Ersteres gibt’s natürlich: der, aus dessen Perspektive gerade erzählt wird, schaut sich die Menschen um sich rum an, gerade, wenn sie noch relativ fremd sind, und dann wird auch erwähnt, was ihm auffällt. Vor allem, da ich das Problem mit den vielen ähnlichen Leuten ja wirklich habe.
Bei letzterem hingegen weiß ich nicht, wie ich es hinbekommen soll: Bei ein, zwei Figuren geht es vielleicht, wenn die irgendwas an sich haben, was sie so sehr stört oder behindert, dass sie es immer wieder bemerken, aber beim Rest?


Ich meinte den Fall, wenn du ein Kapitel aus der Perspektive von A, dann das nächste von B und dann aus der Sicht von C (ect./u.ä.) schreibst.
Ich glaube da ist es ganz hilfreich, den Protas irgendwelche Besonderheiten zu verpassen und die typisch für die sind, und die dann dem Leser unterzujubeln. Sei es, dass der eine (der Prota, nicht der Leser. *g*) den Tick hat, immer mit seinem Feuerzeug zu spielen, der andere sich mit der Hand über seine Glatze zu fahren, und der dritte ständig Kaugummi zu kauen. Irgendwie das anfangs einzubauen, bis der Leser mit der Figur vertraut ist und nicht mehr beim Perspektivenwechsel denkt:"Frederik, Frederik... wer war das jetzt noch mal...? Man, immer so viele Namen..."  So hat er gleich was, womit er den Namen verknüpfen kann. (Ach ja, der Kaugummityp ist Frederik, dass war ja der Arsch, der seinen Nachbarn bei der Polizei angezeigt  hat als...)
Gerade wenn du sonst das Äußere nicht beschreibst, gibts ja beim "Wiederauftauchen" der Person beim Szenenwechsel außer dem Namen nichts, womit der Leser etwas anfangen kann.
I hate it, when Wikipedia copies my entire homework!
zuojenn
Anonymer Benutzer
•  
Beitrag #128, verfasst am 11.07.2010 - 10:17
Melmoth schrieb:

...
Wechselnde Perspektiven sind wohl ideal, um Figuren sich gegenseitig beschreiben zu lassen. Darf ich mal fragen, wie ihr das macht, falls ihr wirklich mal eine Figur selbst Hinweise auf ihr Aussehen geben lassen müsst? Wenn es sich nicht um wirklich störende, sich ins Bewusstsein drängende Merkmale handelt, steh ich nämlich ziemlich auf dem Schlauch, wie man das hinkriegen kann, einer Figur einen guten Grund zu geben, über ihr (für sie selbstverständliches) Erscheinungsbild nachzudenken.


Erstmal würde ich es nicht generell ändern, nur weil es zwei von uns Nasen nicht gefällt. Andere sehen das anders, und ich weiß noch, dass hier neulich etliche waren, die am liebsten gar keine Beschreibung hätten.

Selbstbeschreiben von Figuren geht gut, wenn Familienangehörige herum laufen, dann könnte man während deren Beschreibungen kurz auf Ähnlichkeiten hinweisen. Notfalls hängt man eben ein Gemälde der Urgroßmutter irgendwo hin, mit deren breiter Nase alle weiblichen Familienmitglieder geschlagen sind oder sowas.
Oder man lässt Statisten auf irgendwelche Merkmale starren und Prota ärgert sich darüber oder sielt sich in Bewunderung.
In Situationen wie "Der Wind wehte ihr das Haar ins Gesicht." oder sowas kann man auch mal ein informatives Adjektiv unauffällig unterbringen, ohne dass es gleich nach Beschreibungswut aussieht.

Aber es gibt auch Situationen, in denen es so elegant nicht geht. Ich hatte da mal ein Monster, das ich gerne gleich optisch beschrieben haben wollte, saß aber recht blöd in seiner Perspektive fest. Da ging es dann nur über etwas weniger elegante Formulierungen, aber man muss eben immer abwägen, was das kleinere Übel ist. Eine Fremdperspektive hätte Tempo ausgenommen und nicht beschreiben ging in meinen Augen gar nicht, wg. des Kopfkinos.
Beiträge: 483
Rang: Annoncenschreiber
•  
Beitrag #129, verfasst am 12.07.2010 - 12:40
@MySecretsKeeper: Wow, ich glaube, ich habe die Lösung für den Protagonisten, bei dem ich es bisher am schwierigsten fand! Der ist nämlich eigentlich einer der uneitelsten Typen, die man sich vorstellen kann - der bringt es auch problemlos fertig und schlurft in den abgewetztesten Klamotten zu einer wichtigen Besprechung beim Chef ins Büro, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. ABER: Als er vom Auslandseinsatz zurückkommt, muss er sein Erscheinungsbild von landestypisch irakisch wieder in landestypisch amerikanisch verwandeln, und wenn ich das von der Flughafen-Klokabine ins Badezimmer seines Freundes verlege, wo sich ein Spiegel befindet, dann kann nicht mal er übersehen, wie ungesund er aussieht. Von daher danke, da hat mal wieder das Brett vorm Kopf zugeschlagen, denn eigentlich wäre das relativ naheliegend gewesen  

@Rune: Danke, jetzt habe ich's begriffen! Ja, solche Angewohnheiten, wo sich typisches Verhalten mit eventuell ein bisschen Beschreibung mischt (wer sich über die Glatze fährt, hat offensichtlich eine *g*), könnten gut funktionieren. Nicht bei allen, weil es vermutlich übertrieben wäre, jedem so einen auffälligen Tick anzuhängen, aber beim einen oder anderen paast es sogar ziemlich gut.

@zuojenn: Klar, es wird nie allen gefallen, aber ich vermute, dass es die, die kein Problem mit Beschreibungen in späteren Kapiteln haben, auch nicht gleich stört, wenn die Beschreibungen früher kommen - umgekehrt schon eher. Also kann ich da ein bisschen drauf achten. Ansonsten ist mein persönlicher Geschmack: Beschreibung in Maßen, wo glaubwürdig möglich, aber nie auf Kosten der Perspektive. Da werden dann weder die, die ein genaues Bild wollen, noch die, die gar keine Beschreibungen mögen, vollends zufrieden sein, aber ja, das fällt dann eben unter "man kann's nicht jedem recht machen".
Angestarrt werden klingt nach einer guten Lösung für auffällige Merkmale, die einer Erwähnung wirklich wert sind. Selbst die sind für den, der sie schon lange hat, ja meist zu normal, um großartig drüber nachzudenken, aber für andere sind sie es eben nicht - und wenn die dann penetrant da drauf starren, rufen sie das wieder ins Gedächtnis. Merk ich mir auch mal, danke!


*sich mit ein paar neuen Möglichkeiten für verschiedene Figuren wieder an die Arbeit mach*
Wir alle haben unsere Seele dem Teufel verkauft.
Die Frage ist, welchen Teil davon wir vor dem Handel beiseite schaffen konnten.
 
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.3-6311